Aktuellste Post bei Abschluss dieses Hefts ist die Einladung des Leseforum Schweiz zu einer Tagung an der Universität Basel. Am Donnerstag, 3. November 1994, haben wir die Freude, mit möglichst vielen Interessierten drei Vorträge zu hören, die uns überraschende Einblicke versprechen: Prof. Andreas Guski vom Slavischen Seminar der Universität Basel wird über Lesegewohnheiten, Leseforschung und Strategien der Lesergewinnung im Russland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts berichten. Annelies Häcki Buhofer, Professorin für Linguistik am Deutschen Seminar, spricht über instrumentelles Schreiben im Alltag Erwachsener. Der Romanist Prof. Georges Lüdi referiert über seine Untersuchungen zum «Erzählen in zwei Sprachen bei bilingualen Kindern». Mehr
Lesen in Phasen zeitgeschichtlichen und politischen Wandels; Schrift als fast übersehene, alltäglich geübte Kulturtechnik in vermeintlich schriftfernem Milieu; mehrsprachige Kommunikationsweisen, die uns vorwiegend einsprachig genormten «Schriftgelehrten» nicht geheuer sind: Wirklichkeiten, die unsere Zeit prägen, die aber auch unsere Phantasie wecken und den Blick für die Beschränktheit eigener Ansätze schärfen können. Wobei die Beschränkung des je eigenen Forschungs- und Arbeitsansatzes zugleich unumgänglich ist: Will man zum Beispiel über den Stellenwert der «mechanischen» Vorgänge beim Lesen mehr erfahren (vgl. die drei Beiträge von Zahnd, Birrer und Dütsch et al. aus Bern, S.28), kann das Ausblenden der Sinn-Ebene unumgänglich sein, ja, dieses Ausblenden macht vielleicht gerade die Kunst des Erforschens aus. Ganz anderes kommt ins Blickfeld, wenn es beispielsweise um die Signalisierung einer Bibliothek mit kinderfreundlichen Pictogrammen geht (Thomi Baker, S. 25), um sprachliche Kompetenz in Lehrlingsaufsätzen (Wyss S.12), um das Abschneiden alter Zöpfe im Leseunterricht (Bertschi-Kaufmann, S. 22 - 23), oder um die Alphabetisierung junger Menschen aus dem Asylantenheim (Steinemann S. 38).
Ein wenig erinnert mich diese von Fall zu Fall zielgerichtete und zugleich offene Aufmerksamkeit, die ins Interdisziplinäre ausschweift und sich auf die eigene Praxis zurückholt, an die «attention» beim Lesenlernen, die François Gaillard in seinem Beitrag S. 33 - 38. sehr eindrücklich darstellt. Er sieht in der Aufmerksamkeit keinen einfachen Bewusstseinszustand, sondern «l'attention remplit un rôle actif de chef d'orchestre dans les activités de l'esprit, consistant notamment à comparer les informations en provenance des différents sens et à harmoniser les processus ‹descendants› et ‹ascendants› qui relient les inferences à la réalité saisie.» So komplex wie der Vorgang sind die möglichen Gründe des Scheiterns. Dass vielen Kindern die Kunst «Lesen» ganz unauffällig gelingt, ist ein «miracle du simple normal» - ein auch von der Forschung her nur erahnbares Wunder.
Wir danken allen, die zur Vielstimmigkeit dieses Hefts beigetragen haben, und wünschen ihm die Aufmerksamkeit vieler Leserinnen und Leser!
Anna Katharina Ulrich